Sonntag, 18. August 2013

Serienmörder findet gestohlene Bibel wieder



Beruflich befasse ich mich ja damit, mir schlimme Taten böser Menschen auszudenken. Privat liebe und sammele ich alte Bücher. Auf der Suche nach historischen Druckwerken stolperte ich nun nun unversehens in einen realen Kriminalfall, der Polizei und Landeskriminalamt zweier Bundesländer mehrere Tage lang in Atem hielt.
Bei der Suche nach alten Büchern im Internet war ich auf eine Bibel gestoßen, die mich interessierte. Normalerweise fasse ich nichts an, was jünger ist als 1800. Diese Bibel war aus dem Ende des 19. Jahrhunderts und damit für mich eigentlich deutlich zu jung. Doch sie war von Königin Viktoria Auguste mit einer handschriftlichen Widmung zur Weihung einer Kirche versehen. Das weckte mein Interesse, genauso wie das mehr als selbstbewusste Preislabel des Anbieters. Der hatte in der Annonce vermerkt, dass er das Stift, dem das Buch gewidmet war, in Berlin vermutete, aber nicht gefunden hätte. Merkwürdigerweise fand
corpus delicti
ich bei meinen Recherchen schnell heraus, dass das betreffende Evangelische Johannesstift noch existierte. Ganz offensichtlich war die Bibel von der Königin-Kaiserin zur Weihung der Kirche geschenkt worden. Das machte mich nun etwas misstrauisch. Denn eine von einer Königin gewidmete Bibel wirft man sicher nicht weg, verkauft oder verschenkt sie gar. Meine Vermutung war nun, dass die wertvolle Bibel entweder in den Kriegsjahren evakuiert und nicht wiedergefunden wurde oder nach dem Krieg als Beute mitgenommen und irgendwo vergessen wurde (das Angebot kam aus Brandenburg). Um der Sache auf den Grund zu gehen, setzte ich mich mit dem Stift in Verbindung.
Meine kriminalistische Spürnase hatte mich nicht getrogen! Die Bibel war tatsächlich gestohlen. Aber nicht schon vor 70 Jahren! In Berlin war die Aufregung groß, als man dort erfuhr, dass die 2004 bei einem Einbruch entwendete Bibel wieder aufgetaucht war! Ich gab alle Daten, die ich von Angebot und Anbieter hatte, weiter. Seitens des Johannesstifts holte man sich polizeilichen Rat. Doch als man sich mit dem Verkäufer in Verbindung setzte, war dieser bereits misstrauisch geworden. Dazu kam, dass er über die Herkunft der Bibel nur sehr vage und fantasievolle Angaben machen konnte. Angeblich hatte der Hobbyantiquitätenhändler sie erst eine Woche vorher in Berlin gekauft. Er hatte außerdem den Angebotspreis um 2/3 heruntergesetzt, offenbar, um die Bibel möglichst schnell zu verkaufen. Als ihm klar wurde, dass man ihm auf der Spur war, bestand sogar plötzlich die Gefahr, dass er sich des für die Geschichte der Stiftung kostbaren Stückes entledigen würde, um nicht als Hehler verfolgt zu werden.
Erst eine schnelle Intervention des Landeskriminalamtes, bei dem dem Anbieter eine goldene Brücke gebaut wurde, bewirkte, dass eine Rückgabe der Bibel vereinbart werden konnte. Tatsächlich konnte der Pressesprecher des Stifts dann das lange vermisste Stück bei einem konspirativen Treffen in Berlin in Empfang nehmen. 
Die Bibel soll baldmöglichst wieder ihren alten Platz im Museum des Evangelischen Johannesstifts einnehmen. Den Entdecker des Buches hat das dankbare Stift zu einem Besuch nach Berlin eingeladen, ein Angebot, das ich bei nächster Gelegenheit gerne annehmen werde.
„Einmal Polizist – immer Polizist“, könnte man meinen. Der Bauch, auf den ich viel öfter hören sollte, jedenfalls hatte mir mit einem Grummeln sofort verraten, dass da etwas nicht stimmte. So habe ich also einen echten Kriminalfall gelöst. Es ist ja nicht das erste Mal. Vor 20 Jahren machte ich schon einmal Schlagzeilen, als ich einen Serieneinbrecher fing. Aber das ist eine andere Geschichte…


Donnerstag, 18. Juli 2013

Neulich in der Leserunde



Schriftsteller sind Menschen wie Du und ich. Sie können nur etwas besser zum Ausdruck bringen, dass sie doch anders sind. Logisch, nicht?
Was ich sagen will: wir haben genau so unsere kleinen Schwächen wie alle anderen. Und ein paar größere. Um nicht zu sagen sehr große.
Wir sind zum Beispiel ziemlich eitel. Und mögen es überhaupt nicht gerne, wenn wir kritisiert werden. Ganz egal, was wir behaupten. 
Dazu kommt, dass wir nicht wirklich soziale Wesen sind, ganz gleich, was wir an Theater aufführen.
Bussi hier, Bussi da, ach wie schön und ich freue mich ja so für Dich.
Alles gelogen.
Es gibt kaum eine Szene, sie so missgünstig und futterneidisch ist, wie die des kommerziellen Schrifttums.
Ich muss es wissen. Ich bin genau so.
Trotzdem sind Schriftsteller ganz gerne unter sich, denn ein professionell Schreibender ist meistens in der Lage zu verstehen, wovon ein Autor wirklich spricht bzw. was ihn gerade bedrückt oder sorgt oder freut. Außerdem macht es nur Spaß über andere herzuziehen, wenn das Gegenüber denjenigen kennt...
Mit den Zeiten des Internets kam die der Foren auf, in denen sich Gleichgesinnte zusammenfanden. Natürlich auch das schreibende Volk.
Leider auch der schreibwillige Teil der Menschheit - und der steht im Verhältnis zum schreibfähigen geschätzte 50:1.
Soll heißen auf einen Schriftsteller kommen mindestens 50 Menschen, die sich dafür halten - und alle Welt hat daran Schuld, dass sie nicht entdeckt werden.
Um solche Schreibwilligen-Foren machten Autoren mit professionellem Ansatz einen weiten Bogen.
So haben sich im Laufe der Zeit einige, wenige digitale Sammelplätze herauskristallisiert, die klare Aufnahmekriterien haben und den Hobbyschreiberlingen verschlossen bleiben.
Die stehen sabbernd davor, rufen "intolerantes, elitäres Dreckspack" und phantasieren sich den Himmel auf Erden zurecht, wie großartig es in diesen Autorenforen zugehen muss.
Tut es aber nicht, kann ich alle Schreibwilligen und -wütigen beruhigen.
Schriftsteller sind nämlich Menschen wie Du und ich.
In den einschlägigen Autorenforen wird genau so geheuchelt, nur in den meisten Fällen in feingeschliffener Prosa.
Intrigiert wird sowieso, was das Zeug hält, gerufmordet, gehetzt, geneidet.
Und wenn man überhaupt kein Thema mehr hat, erzählt man sich die neuesten Eskapaden der heimischen Katzen. Das geht immer.
Da sich diese Foren aber professionell geben, existieren zwischen allerlei Workshops, die nicht wirklich immer von den kompetentesten Leuten geleitet und abgeschottet werden auch sogenannte Leserunden.
Dabei stellt ein Autor ein verlegtes, neues Werk vor, das dann gemeinsam gelesen und diskutiert wird.
Was man so Diskussion nennt.
Es gibt Autoren, die wollen tatsächlich auch Kritik hören, sind interessiert und gehen darauf ein.
Andere hingegen betrachten eine Leserunde als ihre ganz private Lobeinsackstelle.
Und in einer solchen bin ich unlängst in ein Fettnäpfchen getreten, dass es nur so gespritzt hat.
Zur gefälligen Lektüre gebe ich eine etwas verfremdete Version der Debatte hier wieder.
Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen und Verhaltensweisen sind jedoch nicht zufällig sondern zwangsläufig.

Wir befinden uns in einer Leserunde. Die üblichen Verdächtigen haben mit ihren obligatorischen achwieschön, wiegroßartig, daskönntichnie-Postings bereits ihre Duftmarken hinterlassen, der gebauchpinselte Verfasser (in der Folge DGLA [=der größte lebende Autor])  hat hinreichend Bescheidenheit simuliert und die rhetorische Frage gestellt, ob es denn WIRKLICH überhaupt nichts zu bemäkeln gäbe.
Auftritt Leserundenteilnehmer MH.
MH: Ich frage mich, wie Elefant Kuno in der Szene rund um die Diskussion zwischen dem Affen Popo und der Schlange Elvira auf das Empire-State-Building kommt.
DGLA: Was für eine Frage. Der ist natürlich dort hinauf geflogen.
MH: Ähm… Okayyyyy. Der kann fliegen? Habe ich da irgendwo etwas überlesen?
DGLA: Natürlich kann der fliegen.
MH: Ich habe jetzt noch mal nachgeschaut. Es ist nirgends erwähnt, dass er fliegen kann.
DGLA: Kann er aber. Seine Mutter ist die Elefantin Rüsseline und sein Vater der Albatros Frightendofair. Kuno hat große Flügel und wurde als Kind deswegen immer gehänselt, weshalb er sich unter seinesgleichen nie wohlgefühlt hat und seine besten Freunde Nager sind.
MH: Aha. Schade, dass man davon nichts erfährt. Interessante Hintergrundgeschichte. Okay. Er ist also hochgeflogen. Mir hätte es geholfen, wenn das jemand erwähnt hätte. Da haben wir also den fliegenden Elefanten Kuno.
DGLA: Ja, sag ich doch.
MH: Okay. Da ist dann aber später die Szene, in der Pipi, die Maus, in die Kuno heimlich verliebt ist, von Muscho, dem einäugigen Kater entführt wird und auf der Baustelle des neuen Worldtradecenters gefangen gehalten wird. Die Diskussion um die wechselnden Rollen zwischen Nahrung und Ernährtem und dass der Jäger die Beute immer liebt zwischen Pipi und Muscho finde ich großartig. Hm, ich weiß jetzt nicht, ob ich mich zu den Schwierigkeiten, die ich im Anschluss habe, überhaupt äußern soll.
DGLA: Das Gespräch zwischen Maus und Katze ist mir sehr gelungen, das finde ich auch. Schön, dass es dir gefällt und dich berührt. Magst du mir von deinen Schwierigkeiten danach erzählen? Das würde mich sehr interessieren.
MH: Bist Du Dir sicher?
DGLA: Ja. Ich bin ganz gespannt darauf.
MH: Kuno erfährt  auf dem World-Tradecenter wo Pipi ist und will sie retten.
DGLA: Ja, genau. Obwohl sie mit Otto, der Hamsterratte zusammen ist, macht er sich immer noch Hoffnung darauf, ihre Liebe zu entfachen. Er ist meine tragische Figur, weil Pipi ja eigentlich in ihren Halbbruder Benji-Maus verliebt ist, der der beste Freund von Kuno ist.
MH: Ah, interessant, das wusste ich nicht. Davon ist bisher nichts erwähnt.
DGLA: Das spielt später im dritten Band noch eine große Rolle, weil Benji-Maus Kuno vorwirft, dass er für den Tod seiner Halbschwester verantwortlich ist und sich mit Otto gegen ihn verbündet und zu seinem ärgsten Feind wird.
MH: Ähm, okay. Hört sich spannend an, aber ich hatte in DIESEM Buch jetzt ein Problem.
DGLA: Welches denn, lieber MH?
MH: Kuno will also Pipi retten. Aber der Aufzug des Empire State ist kaputt. Er muss die Treppe nehmen.
DGLA: Ja, genau.
MH: Meines Wissens hat das ESB vier Aufzüge.
DGLA: Die sind auch kaputt. Oder werden gewartet. Spielt doch keine Rolle.
MH: Äh… Okay. Dann läuft Kuno in die U-Bahn. Aber die hat einen Achsenbruch, mitten im Tunnel und sie stecken fest. Und bis er einen Weg durch die Rettungsschächte gefunden hat, ist es zu spät. Als er am WTC ankommt, hat Muscho Pipi schon gefressen.
DGLA: Ja.
MH: Ich frage mich, warum ist er nicht dorthin geflogen?
DGLA: Warum sollte er?
MH: Ähm. Weil er Flügel hat?
DGLA: Und was hat das damit zu tun?
MH: Verstehe ich jetzt nicht. Kuno kann zum Reden auf das ESB fliegen…
DGLA: Das habe ich doch schon gesagt. Muss ich alles zehnmal sagen?
MH: Aber in dem Moment, in dem es um alles geht, da marschiert der Elefant zu Fuß?
DGLA: Ich habe mich halt so entschieden. Es ist spannender, wenn er zu spät kommt.
MH: Aber es braucht doch einen Grund, warum er hier nicht fliegt. Wenn er es doch kann.
DGLA: Ich habe mich anders entschieden. Kapier’s endlich. Natürlich gibt’s einen Grund, warum er da nicht fliegt. Da kam auf einmal ein schwerer Sturm auf, mit Hagel. Und einem Tornado. Alle Flugzeuge mussten New York umfliegen. Und Elefanten bekamen keine Starterlaubnis.
MH: Ähm, okay. Das hätte man aber vielleicht wenigstens mal erwähnen sollen.
DGLA: Das ist ein Fantasy-Roman. Du willst meinen Roman so umschreiben, dass er ein Bericht über Flugsicherungstechnik und Meteorologie wird!
MH: Das habe ich doch nirgends gesagt.
DGLA: Doch, hast du! Immer wieder. Kapier endlich, dass es für die Handlung absolut nicht relevant ist, dass die Flugzeuge, die New York anfliegen wollen, alle nach Boston umgeleitet werden. Soll ich vielleicht auch noch die Flugnummern alle aufzählen?
MH: Äh… Wenn es die Handlung voran bringt, warum nicht?
DGLA: Es geht in diesem Roman nicht um Luftverkehrssicherheit. Wie oft soll ich das noch sagen?
MH: Natürlich geht es nicht darum.
DGLA: Aber du willst, dass ich darüber schreibe, warum keine Flugzeuge am Himmel sind.
MH: Ich habe doch von Flugzeugen überhaupt nichts gesagt. Es geht mir darum, dass ein Elefant in einer Szene fliegen kann, ohne dass das mit einem Wort erwähnt wird und in einer anderen, in der es um Leben und Tod geht, nicht einmal die Möglichkeit, das zu tun, in Betracht zieht! Und das ist für mich unlogisch und inkonsistent.
DGLA: Tja, das ist nur deine MEINUNG. Und auf die lege ich keinen Wert. Was soll ich mit jemandem diskutieren, vielleicht von Flugzeugen was versteht. Aber  nicht von Literatur.

Nachdem ich diese kleine Satire in dem betreffenden Forum veröffentlichte, hatte sie nur eine Halbwertszeit von einer Viertelstunde.
Dann wurde sie auf Betreiben der heimlichen Herrscherin und Strippenzieherin im Hintergrund zensiert. 
Wie ich schon sagte: Menschen wie Du und ich...
 

Montag, 1. Juli 2013

Neid - auf mich selbst...

Da wünscht man sich als Autor, es mögen sich viele Menschen für das interessieren, was man so in seinem Blog beizutragen hat - und die Hits bewegen sich in der Regel im zweistelligen Bereich.
Na gut, so wahnsinnig weltbewegend sind die An- und Einsichten eines Schreiberlings dann ja doch nicht.
Aber irgendwie fühlt es sich seltsam an, wenn das lokale Blog (es ist neutral, der oder die Blog, habe ich inzwischen gehört...), das ich parallel über die erstaunlichste Stadt des bekannten Universums betreibe, nämlich Limburg (speziell die Altstadt und ihre Insassen...), wenn dieses Blog auf einmal Kreise zieht.
Richtig große Kreise, mit Besuchen innerhalb von 48 Stunden, die die 5-stellige Grenze im Visier hatten.
Natürlich hat es eine Rolle gespielt, dass jemand das Ganze über eines der sozialen Netzwerke verlinkte und sich das dann multiplizierte.
Und das Thema spielte eine mehr als große Rolle, nämlich die Frage, ob eine Stadt einfach einen ganzen Stadtteil einem privaten Veranstalter zum gefälligen Missbrauch überlassen darf, ohne Rücksicht darauf, dass ein gutes Tausend Menschen dort wohnt.
Und der Veranstalter erhebt dann Eintritt, auch für diejenigen, die einfach nur in ihr eigenes Haus wollen.
Und die Stadt erklärt auf Nachfrage derlei für illegal.
Und der Veranstalter kassiert einfach trotzdem.
Und Ordnungsamt und Polizei schauen dabei zu...

Gibt es eigentlich den Begriff Kommunalkriminalität?
Falls nicht, müsste man ihn kreieren.
Nur für Limburg, mit Copyright und Lizenzgebühren, die dann von Security-Schlägertrupps eingetrieben werden.

Ich glaube, gerade geht der Krimiautor mit mir durch.

Trotzdem.

Der Mordsblog schaut neidisch auf den Dom-Zoo.

Obwohl beide aus demselben Stall kommen.

Montag, 24. Juni 2013

Jesus steigt herab



In grauer Vorzeit habe ich einmal Publizistik studiert, was interessant war, solange man sich von der Noelloskopie fern hielt ("Hier haben wir das Ergebnis, dass alle Medien linksradikal unterwandert und Feinde von Helmut Kohl sind, nun machen wir die Empirie dazu…").  
Dabei beschäftigte ich mich auch mit dem Entstehen von Nachrichten an sich und fand dort einen wunderbaren Begriff: Pseudoereignis. Ein solches ist etwas, das speziell zu dem Zweck veranstaltet wird, DASS in den Medien darüber berichtet wird. Die Pressekonferenz wurde damals als das Musterbeispiel eines Pseudo-Ereignisses genannt. Doch das war zu einer Zeit, als das Privatfernsehen gerade das Embryonalstadium verließ und die ganz modernen Medien noch nicht einmal feuchte Träume von Global Village Phantasten waren.
Einer unschuldigen Zeit also, in der man noch persönlich miteinander sprach, manchmal minuten- oder gar stundenlang, ohne auf irgendwelchen berührungsempfindlichen Glasscheiben herumzuwischen um die Konsistenz des gerade beendeten Stuhlgangs weltweit zu kommunizieren.
Lange, lange ist es her.
Damals dominierten mit mindestens 90% Meldungen die Nachrichten, die sich mit Dingen, Menschen, Entwicklungen und Ereignissen befassten, die medienunabhängig geschahen. 
Heute drängt sich mir der Eindruck auf, dass sich die Verhältnisse verkehrt haben. Immer öfter realisiere ich, dass sich das Nachrichtenwesen inzwischen zu 90% mit Pseudoereignissen befasst.
Doch es gibt nichts, das nicht noch einmal zu überbieten wäre.
Was sich gerade abspielt, hätte sich vor 30 Jahren niemand träumen lassen. 
Eine ganze Republik starrt gebannt nach Süden. Das öffentliche Leben ist gründlicher lahmgelegt, als durch einen Generalstreik.
Aber warum?
In einer hochprofessionell arrangierten Totalinszenierung wird man Zeuge einer, nennen wir sie mal „Begebenheit“, die an Banalität kaum zu überbieten ist, tagtäglich weltweit millionenfach stattfindet – und über die mit keinem Wort berichtet wird. 
Ein Angestellter erscheint zu seinem ersten Arbeitstag. 
Welch eine Sensation…
Nun gut, es handelt sich im aktuellen Fall um den Turnlehrer einer Akrobatentruppe im Showgeschäft, die das letzte Rechnungsjahr ziemlich erfolgreich bestritten hat und insofern inzwischen internationalem Standard genügt, als nun auch dieses Unternehmen einen geständigen Wirtschaftsverbrecher an der Spitze hat.
Trotzdem.
Hat irgendjemand schon einmal erlebt, dass die bloße Ankunft eines Fußballtrainers wochenlange Lebend-Berichterstattungen ausgelöst hätte, die ganze Sender dominieren?
Geht es eigentlich noch lächerlicher? 
Dieses Affentheater verfolgen zu müssen bereitet mir geradezu körperliche Schmerzen. Besonders schlimm ist, dass man sich dem absolut nicht entziehen kann, weil es mit aller Marktmacht in JEDE Nachrichtensendung in JEDEM Medium hineingedrückt wird.
Jesus is coming down. Live.
Hallelujah.
Doch was wird, wenn er dann doch nicht (mehr) über’s Wasser gehen kann?
Wird dann wieder live berichtet? Von seiner Himmelfahrt?

Sonntag, 9. Juni 2013

Der reale Tod der Simulierten



Ich bin kein Computerspieler. Ich weiß, dass die Monitorzockerei Suchtpotential hat. Vom Moorhuhnschießen bekam ich mal eine Sehnenscheidenentzündung und wies meine damalige Sektretärin an aufzupassen, dass ich nicht mehr als 20 Spiele nacheinander in Angriff nahm. Danach war ich geheilt. Aber ich befasse mich notgedrungen mit dem Thema, denn ich will wissen, was meine Teens so treiben und wen oder was sie abschießen. Ich lese regelmäßig eine Zeitschrift, deren Redakteure eine überraschende Wortgewandtheit, Selbstironie sowie kritische Haltung zu der Industrie zeigen, über die sie berichten.
Man kann ja auch mal etwas loben, wenn man nicht dafür bezahlt wird. 
Die Zeitschrift nennt sich GameStar.
Dort gabe es nun eine Meldung, die bei mir einiges Stirnrunzeln verursachte. E. A. Games stellt sein Engagement in Social-Games ein. Das ist für mich an sich eine gute Nachricht, denn nichts ist enervierender, als mit dem Nachwuchs am Tisch zu sitzen, zu essen und zu reden – und ständig muss an einem Bildschirm herumgefummelt und gekratzt werden, weil irgendwelche Hühner gefüttert, Rinder verkauft und Eier gebrütet werden. Müssen. Unbedingt und während des Gesprächs.
Was mich nun am terminierten Dahinscheiden von simuliertem Leben bei Gesichtsbuch und anderen irritiert, ist nicht die Tatsache, dass es kommt. Sondern die, dass es keinen Aufschrei gibt. Kein Mediengepolter. Keinen Shitstorm. Keine Attacken auf Firmenhomepages und Server. Keine anonymen, hinter Guy Fawkes Masken verborgenen Gewaltaktionen und –drohungen.
Das passt und es fügt sich in die Reihe der Merkwürdigkeiten ein, die ich in den letzten zwei Jahren beobachtet habe.
Da war es einer wild zusammengewürfelten  Gruppe gelungen, ohne ernsthafte Absichten die Schicht der multimedialen, politkfernen Freibiergesichter zu aktivieren, indem sie ihnen alles umsonst im Netz versprach – und unversehens sah sich diese „Partei“ in der Verlegenheit, Mandate annehmen zu müssen. Dieses Phänomen der selbsternannten Seeräuber, bei denen sich einzelne Protagonisten nicht entblödeten, ein Menschenrecht auf Raubkopie zu postulieren, hat sich ja nun weitestgehend von selbst erledigt. 
Mit der zugehörigen Lächerlichkeit und Peinlichkeit.
Was mir während deren Hoch-Zeit gewaltig auf die Nerven ging, war die Tatsache, dass zwar jeder Kreative, der es wagte, für die Nutzung seines geistiges Eigentums einen Ausgleich zu verlangen, attackiert, verleumdet, bedroht wurde, auf der anderen Seite diese Korsaren in Bezug auf ihr eigenes Medium und damit die ureigene Klientel geradezu sensationell blind waren/sind.
Nun gut, vielleicht trägt die Augenklappe dazu bei, auf der einen Seite nichts wahrzunehmen.
Satan gleichgesetzt wurde ein Schriftsteller, der vorsichtig den Finger hob und sagte: „Ähm, hallo, also, ja. Ich habe nichts dagegen, dass Menschen mein E-Book lesen. Ich habe nur etwas dagegen, dass sie meinen, sie müssten das mit einem Exemplar tun, das sie von einem ukrainischen Server heruntergeladen haben. Mein E-Book kostet nur 4,99. Und ich LEBE davon, dass ich es verkaufe.“
Doch die Menschen, die die multimedialen Politbauernfänger dort abholten, wo sie standen, hatten ABSOLUT kein Problem damit, für ein Computerspiel 60 Euro auszugeben. Und sie hatten kein Problem damit, dass es dieses Spiel eben nicht im ach so freien Netz zum Runterladen gab, denn damit konnte niemand etwas anfangen. Das tolle Zauberwort der Spieleindustrie hieß nämlich Online-Bindung. Wer spielen musste, brauchte einfach eine permanente Internetanbindung zum Vertreiber der Ballerorgie – sonst ging gar nichts. Dort hatte man einen Account, in den man alles an Daten eintrug, was der Anbieter verlangte, einschließlich der Schuhgröße der Großmutter und des Geschlechts der kleinen Schwester. Fragen? Nö. Null Problemo! Klar, machen wir doch. Millionenfach. Und es hatte auch kein seefahrender Eigentumsdynamiker Schwierigkeiten damit, dass so ungefähr alles an Daten, was auf dem Spielerrechner war, eingesehen, registriert und auch mal beim Vorübergehen verändert werden konnte. Und falls der Spieler nicht mehr spielen wollte, konnte/kann er sein Game nicht einmal weiterverkaufen. Weil es an ihn und seinen Account gebunden ist. Für immer und ewig.
Alles kein Problem. Da schrie niemand auf, die rief niemand nach der ganz großen Freiheit im Netz und virtuellen Leben, da gab es keine gewalttätigen Feldzüge gegen Abzockerkonzerne. Auf diesem Auge herrscht Blindheit, die schon an Blödheit grenzt(e).
Und was passiert jetzt? 
Ein großer Anbieter zieht sich ganz kurzfristig aus einem Segment des Spielemarktes zurück. Das ist im Grunde sein Recht, wenn es sich um ein echtes, freies Angebot handelt. Das war bei den betreffenden Spielen der Fall. Aber nur im Prinzip. Denn auch bei den Free to Play Games herrscht das Motto „Geld regiert die Welt“. Wer reale Kohle hat und einsetzt („Free to Pay“) kann sich viele Mühen für das Fortkommen im Spiel sparen, indem er sich Fortschritte und Ausstattungen kurzerhand kauft. Bzw. eine spielinterne Pseudowährung, mit der diese Dinge bezahlt werden und bald wurden. Was passiert nun damit? Menschen haben Geld für erwartete Vorteile ausgegeben. Und was sagt der Anbieter jetzt? April, April und tschüss. Rückerstattung? Keine Rede. Die Spieler, die Echtgeld investierten, dürfen sich abgezockt fühlen. Und auf eine sensationell zynische Art vorgeführt. Meint doch E. A. dem Vernehmen nach bei empörten Reklamationen, man solle eben sein Spielgeld schnell bis zum Abschaltetag ausgeben. Für Ausrüstung und Fortschritte in einem Spiel, das es dann nicht mehr gibt.
Großartig.
Ein Skandal. Für die, die es betrifft. Mich betrifft es nicht, also ist es mir ziemlich egal.
Nicht egal sollte es denen sein, die die Betroffenen zu den Urnen getrieben haben. Ist es aber. Vollkommen. Kein Kommentar von irgendeinem Netzfreiheitaktivisten. Kein empörter Aufschrei. Keine Gesetzesinitiative gegen Online-Gamer-Abzocke.
Spannend. Da gab es tatsächlich mal eine Gruppe, von der die Digitalsüchtigen dachten, sie würde sie und ihre Interessen vertreten. Eine Gruppe, die die real existierende Parteienlandschaft durcheinander wirbelte und auch gestandene Politiker dazu brachte, das Denken einzustellen und dämliche Phrasen zum Urheberrecht abzusondern, in der Hoffnung, in den Fischgründen der Korsaren einen guten Fang zu machen.
Und irgendwie ist es irgendwem gelungen, genau diese potentiellen Interessenvertreter davon abzubringen, die Interessen dieser Klientel tatsächlich dort zu vertreten, wo sie betroffen sind und bedroht werden. Erfolgreich wurden sie auf Nebenkriegsschauplätze gelockt, während die Richtigen sich still und leise und unerkannt die Beutel vollmachten und machen.
Der Verschwörungstheoretiker hätte seine Freude an dem Szenario…