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Sonntag, 13. Oktober 2013

Abschied von Rosa

Ist das wirklich wahr? Zwanzig Jahre ist das jetzt schon her? Man wird alt...
Es war also einmal in grauer Vorzeit, da erreichte mich über den Agenten, den ich seinerzeit noch hatte, der Hilferuf eines Produzenten. Er hätte da ein Problem. Ein sehr großes. Ein Drehbuch zu einer neuen Krimireihe - und nichts würde wirklich funktionieren. Selbstredend war alles schon geplant und der Drehstart stand fest. In ein paar Wochen. Aber nun bräuchte man Hilfe. Ganz dringend Hilfe.
Ich sagte zu, nahm mir das Buch vor. Ich verbrachte die folgenden zwei Wochen zwischen Lerchenberg und Büro. In flotter Folge gab es neue Fassungen von mir und unmittelbar darauf Besprechungen und sofort, nach Möglichkeit über Nacht, neue Fassungen. Und im Anschluss wieder sehr ermüdende Besprechungen, bei denen der eine oder andere Beteiligte wie in "Shutter Island" in dem Moment, in dem ein Resultat da war und man sich endlich verbindlich auf einen Entschluss geeinigt hatte, auf den Reset-Knopf drückte - und wieder ganz von vorne anfing. Im Prinzip war es die immer wiederkehrende Frage, wieso zum Teufel denn in dem perfekten Kreis, den man bestellt hatte, keine Ecken vorhanden wären? Oder was zum Geier Leber-, Blutwurst und Wellfleisch auf der Schlachtplatte zu suchen hätten?
Doch Rosa Roth war trotz aller Widrigkeiten ein Projekt, bei dem ich mit dem Herz dabei war und in das ich sehr viel hineingesteckt habe. Manche Dialoge aus dem Buch sind am Ende zu familieninternen Klassikern geworden, wie die lapidare Replik des russischen Gangsterbosses, als der Verräter ihn erstaunt fragt, seit wann ER sich auf die Polizei verlasse: 
"Kann jedem mal passieren."
Die Arbeit war trotzdem nervenzerfetzend und auslaugend. Aber es gelang mir am Ende dann doch, ein Buch zustande zu bringen und der Regisseur setzte es in brillante, stimmungsvolle Bilder um.
Rosa Roth - In Liebe und Tod - ist heute noch einer der ganz wenigen Filme, auf die ich stolz bin.
Es sollte aber meine einzige Folge für Rosa Roth bleiben. Nachdem der Mohr seine Schuldigkeit getan hatte, interessierte sich niemand mehr für Zusagen, auch nicht für schriftliche. Die Vereinbarung, mindestens noch die beiden nächsten Folgen zu verfassen, wurden kurzerhand in ein Vorschlagsrecht ohne irgendwelche Verpflichtungen umgedeutet, immer neue und andere Leute tauchten im Rahmen der Produktion auf und hatten immer neue und andere Ideen und nur eines gemeinsam: Von mir wollten sie alle nichts wissen.
Nachdem dann auch noch irgendwann sogar der Produzent ausgetauscht wurde, hatte ich überhaupt keine Verbindung mehr zu dem Format und seinen Machern. Ich habe später dann selbst nie wieder versucht, vielleicht noch einmal den einen oder anderen Fall beizusteuern.
Nun hat sie also ihren letzten Fall gelöst, die Dunkelhaarige im hellen Mantel, dessen makellose Sauberkeit zum Running Gag der Produktionen werden sollte.
Es war für mich damals nicht der erhoffte Aufstieg zu den "Großen" der Zunft, denen man die Entwicklung bedeutender Formate anvertrauen würde. Ganz gleich, wie gut und schnell ich gearbeitet hatte, man respektierte mich deswegen noch lange nicht. Dazu war ich zu renitent, wohnte nicht in der richtigen großen Stadt und kannte nicht die richtigen Leute intim genug. 
Unabhängig davon gehört Rosa Roth zu meinen eigenen Lieblingswerken.
Denn ab und zu (leider viel zu selten), geschieht es sogar in diesem Business, dass am Ende ein Film herauskommt, der dem entspricht, was der Autor sich beim Schreiben gedacht hat.
Kann jedem mal passieren...

Mittwoch, 1. Mai 2013

Verzettelt



Oder: füllen Sie das anliegende Formular aus und schicken Sie es zurück

Wir schreiben das Jahr 2013. Nicht 1897. Auch nicht 1963. Oder so. Das muss ich mir immer gewaltsam ins Gedächtnis rufen, wenn ich es wieder einmal mit meinen ganz besonderen Freunden zu tun bekommen.
Den Planstellenbesetzer (und –vermehrern) in öffentlichen Verwaltungen und der Wirtschaft.
Ein Soziologe namens Parkinson hat 1955 festgestellt, dass die Zeit in Bürokratien anders läuft als im Rest der Welt. Eine Arbeit in einer Verwaltung dauert nicht so lange, bis sie erledigt ist. Sondern sie dehnt sich in alle Richtungen aus bis sie das Zeitfenster, das für sie zur Verfügung gestellt wird, bis zum Platzen füllt.
Weiterhin hat der kluge Herr Parkinson festgestellt, dass ab einer bestimmten Größe eine Verwaltung gar keinen (Unternehmens)Zweck mehr benötigt, da sie mehr als hinreichend damit beschäftigt ist, sich selbst zu organisieren. Und dazu das Personal kontinuierlich aufzustockt, ohne das „Kerngeschäft“ auch nur zu tangieren. Denn nichts soll einen Verwalter stören, schon gar nicht produktive Tätigkeit.
Das war 1955, wohlgemerkt. Also lange, lange, bevor es im großen Stil nutzbare Computer gab.

Die kamen dann Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf. Die Idee vom papierfreien Büro geisterte durch die Wolkenkratzer und erschreckte Menschen auf Planstellen. Aber die sind findig. Sie bemerkten sehr schnell die Vorteile der neuen Technik. Man konnte Dokumente nun nicht mehr nur mit einem Durchschlag schreiben. Man konnte sie in beliebiger Zahl ausdrucken! Was man auch tat.
Das Monster Bürokratie fraß weiter und mehrte sich personell und verschickte Papier, Papier, Papier.

Dann kam das Internet und es drohten ganz neue Möglichkeiten. 
Alles konnte auf einmal schnell gehen, ohne einen Postlauf von mehreren Tagen hin und zurück einzukalkulieren und Verluste auf dem Versandweg. 
Formulare mussten nicht mehr hin- und hergeschickt werden, sondern konnten zum Download bereitsgestellt werden. Die Bearbeitungszeit eines Vorgangs lief auf einmal Gefahr zur Realzeit zu gerinnen.
Schrecklich. Grauenhaft. Unvorstellbar.
Doch die Kaste der Kreativbürokraten wusste auch hier Abhilfe.

Formular: Ja.
Download: Ja.
Versand: bitte einscannen und als PDF oder per Fax oder auf dem Postweg verschicken.
Ausfüllen des Formulars: von Hand. Bitte mit schwarzem Füller oder Kugelschreiber.

Ja. 
Genau. 
In einer Zeit, in der selbst das Bürokratieerfindungsministerium (Finanzamt) die Menschen nötigt, einen Internetanschluss zu besitzen und Steuererklärungen mit lustigen Vogelnamen versehen (hm, Elstern sind doch diebische Tiere? Passt also schon…) auf elektronischem Weg abzugeben, grassiert der mittelalterliche Wahnsinn.
Ich habe in den letzten zwei Wochen nicht weniger als 7 (in Worten sieben) Formulare von Banken, Versicherungen, Autoherstellern und Energieversorgern entweder per Post oder per Mail oder per Download erhalten, die ich VON HAND ausfüllen soll.

Nein, nicht am Monitor mit der Tastatur in dafür vorgesehene Felder. 
Das ist NICHT MÖGLICH und NICHT VORGESEHEN. 
Ich soll das Ding ausdrucken, mit dem Stift beschreiben, irgendwie wieder in meine Maschine stopfen und dann verschicken.
Per Anhang als Mail.
Per Fax.
Oder halt per Post.

Das Standardtextverarbeitungsprogramm WORD bietet die Möglichkeit, am Rechner ausfüllbare Formulare zu erzeugen, genauso wie Acrobat. Sogar sehr einfach und komfortabel.

So man es denn WILL und KANN.

Aber die Kaste der Bürokraten verbringt ganz offensichtlich wenigstens die Hälfte ihrer Arbeitszeit damit, angestrengt alles zu unternehmen, eben NICHT zu arbeiten, sondern völlig überflüssige Tätigkeitsschritte innerhalb eines Prozesses mit einem Maximum an Aufwand nicht zu gehen sondern zu trippeln. An zwei Krücken.
Ich bin dazu übergegangen, diese Ansinnen abzulehnen. 
Ich teile jeweils in einem kurzen Schreiben knapp ALLE Informationen die abgefragt werden mit.
Mehr nicht. 
Ich habe mir einen schönen Textbaustein geschrieben, den ich immer wieder verwenden kann, in dem ich darauf hinweise, dass im 21. Jahrhundert die Technik so weit fortgeschritten ist, dann man auf das handschriftliche Ausfüllen von Forumlaren verzichten kann. Wenn jemand auf der anderen Seite des Tisches der Ansicht ist, irgendwer müsse dies tun, dann darf er gerne Buchstaben in Kästchen malen und das Ganze dann noch einmal an der Tastatur abtippen.
In SEINER Arbeitszeit.
Nicht in MEINER.
Mit freundlichen Grüßen.
Und schau an, es ist mir gelungen, in diesem Beitrag weder die Sparkassenversicherung noch VAG Leasing oder die DEVK auch nur zu erwähnen…




Dienstag, 9. April 2013

Ein genialer Einfall

oder: Auch Autoren leben gefährlich




Für gewöhnlich gehört die Arbeit als Drehbuchautor zu den eher ungefährlicheren, was die Berufsgenossenschaft natürlich nicht dran hindert, einen Schreiberling nebst seines Betriebes mit Zirkusartisten und Stuntleuten in eine Gefahrenklasse einzusortieren.

Aber ab und zu kommt es dann doch vor, dass der Autor als solcher einer realen Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt ist, wenn er es einmal wagt, den heimischen Schreibtisch zu verlassen.

Vor einiger Zeit hatte ich die Dramaturgie für eine umfangreiche Serie übernommen. Dramaturgie heißt, daß ich einen Teil der Bücher selbst schrieb und die anderen zusammen mit den weiteren Autoren entwickelte, betreute und nötigenfalls dann auch noch überarbeitete. Das brachte automatisch eine größere Nähe zur Filmherstellung, als sie ein Autor sonst kennt, dessen einzige Ansprechpartner der Redakteur und der Producer sind. Doch je näher und greifbarer ein Autor, desto gefährdeter ist er, in jeder Hinsicht, wie ich lernen musste.

Ein Filmteam besteht aus bis zu 150 Leuten, wobei jeder Helfer noch einen Hilfshelfer hat usw.
Leider ist es so, daß die Hilfshelfer dabei oft den allergrößten Ehrgeiz entwickeln und ganz genau wissen, wie man alles noch viel toller und besser und vor allem mit ihnen machen könnte. So geschah es mir mit einem Beleuchtungshelfer, der bei mir anrief und eine halbe Stunde über eine ganz tolle Story schwadronierte, die er sich ausgedacht hätte.
"Na schön", sagte ich schließlich irgendwann mit blutenden Ohren. "Schicken Sie mir mal ein Exposé, ich werde es mir wohlwollend ansehen.“

Das Exposé kam am nächsten Tag per Eilzustellung, der Anruf, ob es denn da sein, ein halbe Stunde vor dem Eintreffen der drei Blätter.

Zu der Zeit gab es gerade eine Erpressungswelle gegen einen Lebensmittelhersteller. Vergifteter Senf, Ketchup und sonst was.
Wie immer bei solchen Gelegenheiten hatte ich schon etwa 15 Lebensmittelerpresser-Geschichten auf dem Tisch. Von denen waren 4 wenigstens Geschichten, wenn auch nicht originell.
Was der Beleuchtungshelfer da jedoch einreichte, war aber weder originell noch eine Geschichte.
Auf dem Papier stand im Grunde nicht mehr als: "Dieser Film wird eine Handlung haben. Vielleicht."
Dafür hatte der Kandidat aber nicht weniger als 11mal auf den drei Seiten vermerkt, dass das Copyright ausschließlich bei ihm läge.

Er bekam noch am selben Tag eine Absage von mir.
Sehr knapp formuliert, wobei ich es mir aber nicht nehmen ließ, darauf hinzuweisen, dass auch der exzessive Gebrauch von ©s nicht dazu führen würde, dass seine Geschreibsel auch nur eine einzige schutzfähige Idee beinhaltete. Damals war ich noch etwas undiplomatischer als heute mit fortgeschrittenem Alter. ...

Jedenfalls kam keine drei Tage später ein wutschnaubender Brief zurück, in dem der geniale Geschichtenerzähler androhte, dass er jetzt aber ganz genau beobachten würde, was in den nächsten Jahren verfilmt würde und wehe, wehe, wenn irgendjemand auf die Idee käme, seine großartige und einzigartige Idee zu stehlen...
Und sein Anwalt und sofort und sowieso...

Nachdem ich mit dem Lachen fertig war, schrieb ich ihm einen Brief zurück. Tenor war, dass ich eigentlich was Besseres zu tun hätte, sein Schreiben uns aber alle so amüsiert hätte, dass er eine Antwort verdiene. Dann machte ich ihm klar, dass ich in jedem Fall einen der vielen Vorschläge, die ich zum Thema Erpressung eines Konzerns bekommen hatte, weiterverarbeiten würde.
Und er könne schon mal seinen Anwalt losschicken.
Aber bei dem Streitwert würde ihn schon der erste Brief seines Advokaten mehr als einen Monatsverdienst kosten.
Und wir wären alle sehr gespannt.

Ich bekam weder eine Artwort noch ein anwaltliches Schreiben.

Ein Jahr später waren wir mit der Staffel fertig, hatten nicht weniger als 22 Folgen gedreht und es gab ein großes Abschlussfest in Berlin.
Dort schlich die ganze Zeit ein mir unbekanntes, untersetztes Wesen in einem schlechtsitzenden Anzug um mich herum, bis ich endlich mal allein in einer Ecke stand.

Der Typ kam dann zu mir, meinte, er müsse mir doch jetzt auch mal die Hand drücken, tat dies, ließ sie nicht mehr los und sagte seinen Namen.
Der mir wiederum überhaupt nichts mehr sagte, weil ich diese Sache längst vergessen hatte.
Ich bedauert, ob er mir vielleicht einen kleinen Tipp geben konnte.
Er nannte einen Titel.
Nichts klingelte bei mir.
Da ich aber für manche Sachen ein grauenhaftes Gedächtnis habe, wie Namen, Gesichter, Titel usw. befürchtete ich, dass ich einen meiner größeren Blackouts hatte, einer der letzten Filme vielleicht diesen Arbeitstitel haben könnte und ich bedauerte nochmal, dass ich offenbar einen kurzen Aussetzer hätte.

Doch dann sagte er mir mit bekifftem, breiten, aggressiven Grinsen, immer noch ohne meine Hand loszulassen, wenn er mich nochmal irgendwo sehen würde, würde es ohne große Umwege und Vorwarnung direkt ein paar auf´s Maul geben. Weil so Typen wie ich das nicht besser verdienten und Dramaturgen sowieso das allerletzte seinen, niederste Kreaturen, eigentlich keine Existenzberechtigung hätten und gar nicht als Menschen bezeichnet werden dürften usw.

Ich wusste nun überhaupt nicht, was ich mit diesem Exemplar anfangen sollte. Zur Verdeutlichung der Situation vielleicht ein paar technische Angaben. Ich bin 1,87 groß und eher quadratisch. Mein Gegenüber war vielleicht 1,70. Außerdem habe ich einmal eine sehr gründliche Ausbildung erhalten, wie man mit körperlich aggressiven Menschen umgeht.
Also die Wahrscheinlichkeit, dass er mir irgend einen Schaden zufügen konnte, war relativ gering.

Glücklicherweise erschienen dann der Produktionsleiter und ein befreundeter Regisseur, mit dem ich gerade einen sehr erfolgreichen Film gemacht hatte und entführten mich aus der Obhut meines Bedrohers. Ich fragte dann den PL, ob es üblich sei, dass irgendwelche Helfer leitende Mitarbeiter der Produktion mit Totschlag bedrohten.
Der PL, ein eher resoluter Mann, meinte dazu nur kurz und knapp: "Was? Dann wollen wir denn Herrn mal an die Luft setzen“, schnappte sich zwei der Securities und machte sich auf die Suche nach dem verhinderten Totschläger. Aber der hatte sein Pulver offenbar schon verschossen und das Weite gesucht.

Auf jeden Fall kam sein Name dann auf eine sehr rote Liste der Leute, die auf keinen Fall nochmal einen Job beim betreffenden Produzenten bekommen würden.

Ich bin zwischenzeitlich etwa 100mal wieder in Berlin gewesen.
Aber glücklicherweise hat mich dieser verhinderte Erfolgsautor bis heute nirgendwo erwischt.
Obwohl ich immer wieder zittere, sobald ich den Boden der Hauptstadt betrete und dunkle Ecken meide...



Mittwoch, 3. April 2013

Ein halbes Jahrhundert ZDF...



...und fast die Hälfte der Zeit bin ich schon dabei.


Das ZDF klingt in erster Linie hohl. Ich sage nicht, es IST hohl. Aber es klingt so. In keinem anderen Sender und keinem anderen Gebäude der Welt ist mir dieses Geräusch bislang noch begegnet. 
Die Architekten des Hochhauses auf dem Lechenberg haben sich sicher etwas dabei gedacht, als sie den Backstein dort oben geplant haben. Zum Beispiel: wäre es nicht toll, wenn wir absolut zukunftssicher wären? Nicht, indem wir überall monumentale Kabelkanäle an die Wände bauen. Sondern indem wir die Flure als solche zu Kabelkanälen erklären.
Sie haben es getan. 
Wenn man im Hochhaus durch die langen Gänge geht, bleibt es kein Geheimnis, dass jemand kommt. Denn der Boden besteht aus aneinandergereihten, flachen, teppichbeklebten Kisten, die eben, ja, genau: hohl klingen, bei jedem Schritt. Denn darunter laufen hunderte von Kabelkilometern entlang.

Bei meinem ersten Termin in Mainz hatte ich aber noch nicht das Vergnügen, das Hauptgebäude zu betreten. Damals wusste ich noch nicht, dass man die Bedeutungs seines Gegenübers an drei Faktoren festmachen konnte. Die Etage. Je höher desto wichtig. Die Größe des Büros. Brauchte es mindestens zwei Türen: noch wichtiger. Und am allerwichtigsten: ein Eckbüro mit Fenstern in ZWEI Richtungen.
Die Redaktion, mit der ich zu tun hatte, war jedoch – über den Garagen untergebracht. Um den Mann zu finden, der mir meine erste Chance als Drehbuchautor geben sollte, musste ich mir einen ganzen Rundgang erwandern, bis ich die richtige Zimmernummer fand. Interessant war dabei die Aufschrift an zwei, drei anderen Türen auf dem Weg zum Ziel. 
„Revision. Zu Ihrer Sicherheit.“
Aus irgendeinem Grund assoziierte ich mit dem Begriff Bandschutz. Mein Vater war bei der Berufsfeuerwehr und das Wort war mir bis dahin nur in Zusammenhang mit „Feuerlöscher-Revision“ begegnet. Es dauerte ein paar Jahre, bis ich erfuhr, um was es hinter diesen Türen wirklich ging. Doch da hatten die betreffenden Damen und Herren ihren Namen längst amerikanisiert bekommen, hießen nun „Controlling“, hatten sich vermehrt wie Karnickel und ein ganzes Stockwerk im Allerheiligsten okkupiert. Glaube ich. Ich weiß es nicht. Ich hatte noch nie direkt mit jemandem aus diesem Abteilungsgeflecht zu tun. Nur indirekt. Man sagt, die dort Arbeitenden seien der Ansicht, ein Fernsehsender würde großartig funktionieren. Wenn da nicht dieser Störfaktor „Veranstaltung und Ausstrahlung von Programmen“ wäre…

1989 war ich das erste Mal auf dem Lerchenberg zu Gast – und danach noch viele Male, zu allen möglichen Tages- und auch Nachtzeiten.
Orginaldialog:
„Was machen Sie eigentlich an einem Samstag um 21:00 Uhr noch hier?“
„Ich bin der Notarzt.“
„Oh. Was ist denn passiert?“
„Ein Drehbuch ist verunglückt. Ich bin der Script-Doctor und musste es wiederbeleben…“

1989. Vor 24 Jahren, ziemlich genau sogar in diesem Monat. Ich habe also fast die Hälfte seiner Existenz mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen zu tun. Es war nicht immer leicht und es waren einige Kämpfe auszufechten. Aber fast die Hälfte aller Drehbücher, die ich verfasst habe, waren für das ZDF. Auch in Zeiten, in denen andere einen Haufen Dummbatze in eine Kiste sperrten und Kameras in jede Ecke hängten und das Ganze quotenträchtig als modernste Fernsehunterhaltung verkauften und fast parallel dazu Sendungen allerorten aus den Ritzen wucherten wie Unkraut, in denen zum 189. Mal die Millionenfrage zu beantworten war: „Wie hieß Karl der Große mit Vornamen?“, blieben die Lerchenberger der Fiction treu und produzierten unverdrossen Serien und Fernsehspiele. So blieb wenigstens noch ein bisschen Arbeit für Drehbuchautoren übrig.
Das muss man dem Sender hoch anrechnen. Die Schattenseite dieser Ausrichtung ist, dass das ZDF durch seine Marktmacht aber auch ein Vorreiter in Sachen Autorenausbeutung und Rechte-Grabschen war. So fanden die Schreiber fast im Jahresrhythmus neue „Anlagen zum Autorenvertrag“ vor, in denen sich der Sender die umfangreichsten Nutzungs- und Senderechte kurzerhand nahm. Sozusagen ein Backdoor-Buyout, ohne sich mit der Zahlung eines Buyout-Honorars zu belasten. Das Resultat ist, dass heute ein Drehbuchautor für seine Arbeit weniger als die Hälfte dessen erhält, was er vor 20 Jahren bekommen hat – obwohl die Nutzungsmöglichkeiten an seinem Werk auf der anderen Seite geradezu explodiert sind, sei es Pay-TV, Abruf, Internet oder Kanalvervielfältigung. Aber man produzierte wenigstens bzw. beauftragte, wie heute auch noch.

Unser Zweites Deutsches Fernsehen. Die wenigsten wissen, dass es seine Entstehung einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts verdankt. Das hatte nämlich einem gewissen Konrad A. gehörig auf die Finger geklopft, als der als Gegenpol zu den von bösen Kommunisten unterwanderten Sendern der ARD (also praktisch allen, die seiner Meinung widersprachen oder gar Fragen stellten) ein als GmbH getarntes Regierungsfernsehen etablieren wollte. Nachdem das als Staatsfernsehen und damit verfassungswidrig erklärt wurde, folgte kurz darauf ein Staatsvertrag der Länder, der die Gründung eines bundesweiten Kanals regelte. Auf Öffentlich Rechtlicher Basis. Aber von Struktur und Personal nicht viel anders als das, was ursprünglich vorgesehen war.

Nun hat es 50 Jahre gehalten, feiert sich und wird gefeiert.

Dann will ich als Gratulant nicht außen vor bleiben.
Alles Gute für die nächsten 50 Jahre, ZDF.
Und auf dass wir weiterhin wenigstens ein Stück des Weges gemeinsam gehen.

Sonntag, 31. März 2013

Matula ist nicht mehr da

Oder: der letzte seiner Art



Er wollte keinen Polizisten spielen, der dem etablierten Anwalt bei seinen kniffeligen Fällen hilft, deshalb zog er in der allerersten Folge die Uniform aus und wurde Detektiv. 
Privatdetektiv.
Er blieb es. Praktisch für den Rest seines Schauspielerlebens war Claus-Theo Gärtner damit Josef Matula. 32 Jahre lang. Der Mann in der Lederjacke mit dem Teddy-Kragen.
Der Billard spielende, bevorzugt (bis auf einen kurzfristigen Audi-Ausflug) Alfa fahrende Frauenheld lebte und arbeitete nominell in Frankfurt, die Produktion saß jedoch in Wiesbaden und verkaufte eifrig Straßen und Bauten der Landeshauptstadt als Lokalitäten der Main-Metropole; Stoff genug für kleinere und größere Lästerorgien.

Anfangs war er ja eher als der Sidekick des großen Günter Strack gedacht, doch mit den wechselnden Anwälten veränderte sich diese Position nachhaltig. Am Ende WAR Claus-Theo Gärtner „ein Fall für zwei“ und der Anwalt für den juristischen Kram zuständig, der halt auch erforderlich war.

Wir trafen ganz am Anfang meiner Karriere als Drehbuchautor auf einander. Als ich 1989 meinen ersten Drehbuchvertrag erhielt, war es ein Fall für zwei. Es folgten noch ein paar Episoden, aber persönlich nichts weiter. Drehbuchautoren und Schauspieler haben nicht viel mit einander zu tun.

Dann kamen wir sehr viel später bei einer Veranstaltung zusammen und stellten fest, dass wir inzwischen praktisch Nachbarn waren. Es entstand ein loser Kontakt, bei dem wir uns unserer Leidenschaft für Sport passiv hingaben und außerdem die Jungs immer mal wieder mit den Autos spielten und fröhlich tauschten („Willste mal fahren?“ „Klar!“). Ich hatte nie eine Chance gegen den Amateur-Rennfahrer, ganz gleich, was er gerade lenkte. Ich bin halt doch nicht der Racer-Typ. Eher der Chauffeur. Aber ich erinnere mich noch sehr gut an die unglaublichen Bremsen des Porsche Turbo…

Während der Zeit befassten wir uns aber auch mit Möglichkeiten, Claus-Theo Gärtner mal wieder eine Rolle jenseits der des Matula zu verschaffen. Das war ein Traum von ihm und beim Sender lehnte man nicht ab. Jedenfalls nie direkt. Sondern es hieß immer: „Ja, klar, gerne. Was soll es denn sein? Mach mal einen Vorschlag und wir reden darüber. Im großen Kreis.“

Also das bekannte Öffentlich-Rechtliche NEIN. Wenn man innerhalb eines Senders ein bestimmtes Projekt nicht will, dies dem Vorschlagenden aber nicht direkt ins Gesicht sagen will oder kann oder darf, dann gibt es eine 100ige Methode, es zu killen. Man macht vom Exposé 30 Kopien, die man vertikal und horizontal verteilt, mit der Maßgabe, dass man dieses Ding gerne realisieren würde. Da kann man sicher sein, dass die Bedenkenträger, Neider, Feinde nur so aus den Löchern poppen und alles tun werden, die Sache im Sande verlaufen zu lassen. Zuverlässig. Und der, der das alles initiiert hat, bleibt der Freund. Der gute. „Ich warte noch auf die Reaktionen der anderen Abteilungen…“

Wir plotteten also in Claus-Theos weitläufigem Garten, schrieben Exposés, fuhren Auto, redeten dummes Zeug, besuchten Oldtimer-Versteigerungen und Grand-Prix. 
Dann zog Matula weg und wir verloren uns aus den Augen.
Das große Fernsehspiel mit Claus-Theo Gärtner gab es natürlich nie.

Nun geht er also in Pension, der letzte große deutsche Fernsehdetektiv. Vielleicht war er sogar der einzige, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Umfangreich ist die Auswahl ja nicht. Es war schon immer eher schwer, in einem Land, das keine Tradition an Privatermittlern hat, so eine Figur halbwegs glaubwürdig zu etablieren. Die unauffällig tätowierten Menschheitsretter vor der Auto-Wackelkamera, die nachmittäglich „Fälle“ „lösen“ zähle ich mal nicht dazu.
Wer fällt mir da noch ein? Robert Strohm alias Klaus Löwitsch, der es auf immerhin 5 Staffeln brachte. Aber der hatte mehr einen „James Bond auf dem zweiten Bildungsweg“ Touch. Detektivbüro Roth mit Manfred Krug, bevor er ein Liebling wurde, gab es auch noch. Eher harmlose Fälle mit Humoranflügen. Das war’s aber auch schon.
So bleibt Josef Matula für mich der letzte seiner Art. Und nun hat er sich verabschiedet, nach beeindruckenden 300 Folgen.

Mach’s gut, Claus-Theo.

Genieße Dein wohlverdientes Rentnerdasein, brems rechtzeitig vor den Kurven und melde Dich einfach mal wieder, wenn Du gar nichts Besseres zu tun hast!