Montag, 15. April 2013

Serienmörder in Bern



Die Criminale 2013


Ab Mittwoch ist es wieder so weit. Die Criminale findet statt, das größte Festival deutschsprachiger Krimiautoren und diesmal ist die Schweizer Bundeshauptstadt Austragungsort des Marathons an Lesungen und sonstigen Veranstaltungen. Näheres hier: www.die-criminale.de.

Ich gebe zu, ich bin eigentlich in einer Hinsicht nicht so wirklich qualifiziert, daran teilzunehmen. Ab ca. 01:00 Uhr bin ich in der Regel nicht mehr in der Lage, den philosophischen, intellektuellen, politischen, psychologischen und literarischen Höhenflügen in der Criminale-Bar zu folgen. Ich bin seit mehr als 30 Jahren abstinent und daher um diese Uhrzeit einfach zu nüchtern.

Spaß macht mir die Criminale trotzdem, jedes Jahr wieder, denn man trifft dort, welch eine Überrschung, auf Krimiautoren. Und die haben es in sich. Nicht nur nach Mitternacht. Es gibt für mich kein denkbares Genre, in dem man so entspannte Schreiber treffen kann, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie sich nicht allzu ernst nehmen.

Warum?

Ganz einfach: Der gemeine Krimiautor hat es schon hinter sich!

Als Verfasser von Spannungsliteratur ist man auch noch heute in der Nahrungskette des publizierten Schrifttums die Amöbe. Wir schreiben „eben NUR Krimis“ – und das kommt im Auge der ach so literarischen Szene (und deren Kritiker) den von uns ausgedachten, formulierten und verrätselten Untaten an sich schon ziemlich nahe. 

Wer über Verbrechen schreibt ist selber einer. Einer Verbrechen. Oder so.

Wenn uns schon sonst keiner ernst nimmt, warum sollten wir es also selbst tun? Das Resultat ist ein wunderbar lässiger Umgang mit uns und unserem Treiben. 
In anderen Literaturzirkeln wie Genrevereinigungen oder auch Foren beobachtet man eine Vermünchnerung par excellence, also ein zum Erbrechen geplüschtes Schatzi-Bussi-Achwieschön-vielGlückmitdeinemwunderbarenRoman, während gleichzeitig mit der Linken der Dolch unter die Rippe gestochen und via PN oder auch sehr smartem Phon gehetzt, geneidet und intrigiert wird, was das Zeug hält.
Wir Killer brauchen das nicht.
Der gemeine Serienmörder wendet sich gleich Wichtigerem zu: dem Entwickeln schräger Ideen und Charaktere sowie der Vernichtung aller Alkoholvorräte der Criminale-Hotels- und Bars VOR Sonntagmorgen.

Man trifft auf der Criminale jede Menge Leute, die sich geben wie und was sie sind: die Schmuddelkinder und Buschbankerte der teutonischen Literatur. Da dies alle gleichermaßen betrifft, lässt einen dies zusammenrücken (was an den Theken, falls das Thema noch nicht erwähnt wurde, sowieso obligatorisch ist) und zwar ganz gleich, ob jemand in der Anthologie eines Regionalverlags seinen ersten Kurzkrimi veröffentlicht hat oder ob er die Bestsellerliste anführt. 

Auf der Criminale redet jeder mit jedem völlig unbefangen. Keiner der Killer und –innen käme auf die Idee, einem anderen die Qualifikation abzusprechen, sich zu irgendeinem beliebigen Thema zu äußern, weil er/sie/es „nur in einem Kleinverlag publiziert“. Wer nun lauthals lacht, kennt andere Bereiche der einfachen Unterhaltungsliteratur nicht, in denen derlei Publikationsdarwinismus durchaus an der Tagesordnung ist.

So aber ist und bleibt die Criminale DAS Fest von und für die Krimiautoren, auf dem immer wieder neue Kontakte geknüpft und alte Freund- und Feindschaften (HALLO, wir sind immerhin Verbrecher, ja?) erneuert und gepflegt werden. Und zu allem Überfluss kommen mit schönster Regelmäßigkeit als Resultat geradliniger und auch sehr schräger Gespräche immer wieder tolle Ideen ans Tageslicht, die nicht selten in eine Publikation münden. Nicht wenige Romane oder auch Anthologien begannen als Thekenspinnerei auf einer Criminale.

Ich freue mich jedenfalls schon. 
Sogar auf das obligatorische Fußballspiel der schlechtesten Mannschaft des Universums. 
Vergleiche www.krimielf.de.
Wir werden sicher wieder auf die Mütze kriegen. Immerhin hat man uns die Schweizer Autorennationalmannschaft auf’s Auge gedrückt…


Dienstag, 9. April 2013

Ein genialer Einfall

oder: Auch Autoren leben gefährlich




Für gewöhnlich gehört die Arbeit als Drehbuchautor zu den eher ungefährlicheren, was die Berufsgenossenschaft natürlich nicht dran hindert, einen Schreiberling nebst seines Betriebes mit Zirkusartisten und Stuntleuten in eine Gefahrenklasse einzusortieren.

Aber ab und zu kommt es dann doch vor, dass der Autor als solcher einer realen Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt ist, wenn er es einmal wagt, den heimischen Schreibtisch zu verlassen.

Vor einiger Zeit hatte ich die Dramaturgie für eine umfangreiche Serie übernommen. Dramaturgie heißt, daß ich einen Teil der Bücher selbst schrieb und die anderen zusammen mit den weiteren Autoren entwickelte, betreute und nötigenfalls dann auch noch überarbeitete. Das brachte automatisch eine größere Nähe zur Filmherstellung, als sie ein Autor sonst kennt, dessen einzige Ansprechpartner der Redakteur und der Producer sind. Doch je näher und greifbarer ein Autor, desto gefährdeter ist er, in jeder Hinsicht, wie ich lernen musste.

Ein Filmteam besteht aus bis zu 150 Leuten, wobei jeder Helfer noch einen Hilfshelfer hat usw.
Leider ist es so, daß die Hilfshelfer dabei oft den allergrößten Ehrgeiz entwickeln und ganz genau wissen, wie man alles noch viel toller und besser und vor allem mit ihnen machen könnte. So geschah es mir mit einem Beleuchtungshelfer, der bei mir anrief und eine halbe Stunde über eine ganz tolle Story schwadronierte, die er sich ausgedacht hätte.
"Na schön", sagte ich schließlich irgendwann mit blutenden Ohren. "Schicken Sie mir mal ein Exposé, ich werde es mir wohlwollend ansehen.“

Das Exposé kam am nächsten Tag per Eilzustellung, der Anruf, ob es denn da sein, ein halbe Stunde vor dem Eintreffen der drei Blätter.

Zu der Zeit gab es gerade eine Erpressungswelle gegen einen Lebensmittelhersteller. Vergifteter Senf, Ketchup und sonst was.
Wie immer bei solchen Gelegenheiten hatte ich schon etwa 15 Lebensmittelerpresser-Geschichten auf dem Tisch. Von denen waren 4 wenigstens Geschichten, wenn auch nicht originell.
Was der Beleuchtungshelfer da jedoch einreichte, war aber weder originell noch eine Geschichte.
Auf dem Papier stand im Grunde nicht mehr als: "Dieser Film wird eine Handlung haben. Vielleicht."
Dafür hatte der Kandidat aber nicht weniger als 11mal auf den drei Seiten vermerkt, dass das Copyright ausschließlich bei ihm läge.

Er bekam noch am selben Tag eine Absage von mir.
Sehr knapp formuliert, wobei ich es mir aber nicht nehmen ließ, darauf hinzuweisen, dass auch der exzessive Gebrauch von ©s nicht dazu führen würde, dass seine Geschreibsel auch nur eine einzige schutzfähige Idee beinhaltete. Damals war ich noch etwas undiplomatischer als heute mit fortgeschrittenem Alter. ...

Jedenfalls kam keine drei Tage später ein wutschnaubender Brief zurück, in dem der geniale Geschichtenerzähler androhte, dass er jetzt aber ganz genau beobachten würde, was in den nächsten Jahren verfilmt würde und wehe, wehe, wenn irgendjemand auf die Idee käme, seine großartige und einzigartige Idee zu stehlen...
Und sein Anwalt und sofort und sowieso...

Nachdem ich mit dem Lachen fertig war, schrieb ich ihm einen Brief zurück. Tenor war, dass ich eigentlich was Besseres zu tun hätte, sein Schreiben uns aber alle so amüsiert hätte, dass er eine Antwort verdiene. Dann machte ich ihm klar, dass ich in jedem Fall einen der vielen Vorschläge, die ich zum Thema Erpressung eines Konzerns bekommen hatte, weiterverarbeiten würde.
Und er könne schon mal seinen Anwalt losschicken.
Aber bei dem Streitwert würde ihn schon der erste Brief seines Advokaten mehr als einen Monatsverdienst kosten.
Und wir wären alle sehr gespannt.

Ich bekam weder eine Artwort noch ein anwaltliches Schreiben.

Ein Jahr später waren wir mit der Staffel fertig, hatten nicht weniger als 22 Folgen gedreht und es gab ein großes Abschlussfest in Berlin.
Dort schlich die ganze Zeit ein mir unbekanntes, untersetztes Wesen in einem schlechtsitzenden Anzug um mich herum, bis ich endlich mal allein in einer Ecke stand.

Der Typ kam dann zu mir, meinte, er müsse mir doch jetzt auch mal die Hand drücken, tat dies, ließ sie nicht mehr los und sagte seinen Namen.
Der mir wiederum überhaupt nichts mehr sagte, weil ich diese Sache längst vergessen hatte.
Ich bedauert, ob er mir vielleicht einen kleinen Tipp geben konnte.
Er nannte einen Titel.
Nichts klingelte bei mir.
Da ich aber für manche Sachen ein grauenhaftes Gedächtnis habe, wie Namen, Gesichter, Titel usw. befürchtete ich, dass ich einen meiner größeren Blackouts hatte, einer der letzten Filme vielleicht diesen Arbeitstitel haben könnte und ich bedauerte nochmal, dass ich offenbar einen kurzen Aussetzer hätte.

Doch dann sagte er mir mit bekifftem, breiten, aggressiven Grinsen, immer noch ohne meine Hand loszulassen, wenn er mich nochmal irgendwo sehen würde, würde es ohne große Umwege und Vorwarnung direkt ein paar auf´s Maul geben. Weil so Typen wie ich das nicht besser verdienten und Dramaturgen sowieso das allerletzte seinen, niederste Kreaturen, eigentlich keine Existenzberechtigung hätten und gar nicht als Menschen bezeichnet werden dürften usw.

Ich wusste nun überhaupt nicht, was ich mit diesem Exemplar anfangen sollte. Zur Verdeutlichung der Situation vielleicht ein paar technische Angaben. Ich bin 1,87 groß und eher quadratisch. Mein Gegenüber war vielleicht 1,70. Außerdem habe ich einmal eine sehr gründliche Ausbildung erhalten, wie man mit körperlich aggressiven Menschen umgeht.
Also die Wahrscheinlichkeit, dass er mir irgend einen Schaden zufügen konnte, war relativ gering.

Glücklicherweise erschienen dann der Produktionsleiter und ein befreundeter Regisseur, mit dem ich gerade einen sehr erfolgreichen Film gemacht hatte und entführten mich aus der Obhut meines Bedrohers. Ich fragte dann den PL, ob es üblich sei, dass irgendwelche Helfer leitende Mitarbeiter der Produktion mit Totschlag bedrohten.
Der PL, ein eher resoluter Mann, meinte dazu nur kurz und knapp: "Was? Dann wollen wir denn Herrn mal an die Luft setzen“, schnappte sich zwei der Securities und machte sich auf die Suche nach dem verhinderten Totschläger. Aber der hatte sein Pulver offenbar schon verschossen und das Weite gesucht.

Auf jeden Fall kam sein Name dann auf eine sehr rote Liste der Leute, die auf keinen Fall nochmal einen Job beim betreffenden Produzenten bekommen würden.

Ich bin zwischenzeitlich etwa 100mal wieder in Berlin gewesen.
Aber glücklicherweise hat mich dieser verhinderte Erfolgsautor bis heute nirgendwo erwischt.
Obwohl ich immer wieder zittere, sobald ich den Boden der Hauptstadt betrete und dunkle Ecken meide...



Mittwoch, 3. April 2013

Ein halbes Jahrhundert ZDF...



...und fast die Hälfte der Zeit bin ich schon dabei.


Das ZDF klingt in erster Linie hohl. Ich sage nicht, es IST hohl. Aber es klingt so. In keinem anderen Sender und keinem anderen Gebäude der Welt ist mir dieses Geräusch bislang noch begegnet. 
Die Architekten des Hochhauses auf dem Lechenberg haben sich sicher etwas dabei gedacht, als sie den Backstein dort oben geplant haben. Zum Beispiel: wäre es nicht toll, wenn wir absolut zukunftssicher wären? Nicht, indem wir überall monumentale Kabelkanäle an die Wände bauen. Sondern indem wir die Flure als solche zu Kabelkanälen erklären.
Sie haben es getan. 
Wenn man im Hochhaus durch die langen Gänge geht, bleibt es kein Geheimnis, dass jemand kommt. Denn der Boden besteht aus aneinandergereihten, flachen, teppichbeklebten Kisten, die eben, ja, genau: hohl klingen, bei jedem Schritt. Denn darunter laufen hunderte von Kabelkilometern entlang.

Bei meinem ersten Termin in Mainz hatte ich aber noch nicht das Vergnügen, das Hauptgebäude zu betreten. Damals wusste ich noch nicht, dass man die Bedeutungs seines Gegenübers an drei Faktoren festmachen konnte. Die Etage. Je höher desto wichtig. Die Größe des Büros. Brauchte es mindestens zwei Türen: noch wichtiger. Und am allerwichtigsten: ein Eckbüro mit Fenstern in ZWEI Richtungen.
Die Redaktion, mit der ich zu tun hatte, war jedoch – über den Garagen untergebracht. Um den Mann zu finden, der mir meine erste Chance als Drehbuchautor geben sollte, musste ich mir einen ganzen Rundgang erwandern, bis ich die richtige Zimmernummer fand. Interessant war dabei die Aufschrift an zwei, drei anderen Türen auf dem Weg zum Ziel. 
„Revision. Zu Ihrer Sicherheit.“
Aus irgendeinem Grund assoziierte ich mit dem Begriff Bandschutz. Mein Vater war bei der Berufsfeuerwehr und das Wort war mir bis dahin nur in Zusammenhang mit „Feuerlöscher-Revision“ begegnet. Es dauerte ein paar Jahre, bis ich erfuhr, um was es hinter diesen Türen wirklich ging. Doch da hatten die betreffenden Damen und Herren ihren Namen längst amerikanisiert bekommen, hießen nun „Controlling“, hatten sich vermehrt wie Karnickel und ein ganzes Stockwerk im Allerheiligsten okkupiert. Glaube ich. Ich weiß es nicht. Ich hatte noch nie direkt mit jemandem aus diesem Abteilungsgeflecht zu tun. Nur indirekt. Man sagt, die dort Arbeitenden seien der Ansicht, ein Fernsehsender würde großartig funktionieren. Wenn da nicht dieser Störfaktor „Veranstaltung und Ausstrahlung von Programmen“ wäre…

1989 war ich das erste Mal auf dem Lerchenberg zu Gast – und danach noch viele Male, zu allen möglichen Tages- und auch Nachtzeiten.
Orginaldialog:
„Was machen Sie eigentlich an einem Samstag um 21:00 Uhr noch hier?“
„Ich bin der Notarzt.“
„Oh. Was ist denn passiert?“
„Ein Drehbuch ist verunglückt. Ich bin der Script-Doctor und musste es wiederbeleben…“

1989. Vor 24 Jahren, ziemlich genau sogar in diesem Monat. Ich habe also fast die Hälfte seiner Existenz mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen zu tun. Es war nicht immer leicht und es waren einige Kämpfe auszufechten. Aber fast die Hälfte aller Drehbücher, die ich verfasst habe, waren für das ZDF. Auch in Zeiten, in denen andere einen Haufen Dummbatze in eine Kiste sperrten und Kameras in jede Ecke hängten und das Ganze quotenträchtig als modernste Fernsehunterhaltung verkauften und fast parallel dazu Sendungen allerorten aus den Ritzen wucherten wie Unkraut, in denen zum 189. Mal die Millionenfrage zu beantworten war: „Wie hieß Karl der Große mit Vornamen?“, blieben die Lerchenberger der Fiction treu und produzierten unverdrossen Serien und Fernsehspiele. So blieb wenigstens noch ein bisschen Arbeit für Drehbuchautoren übrig.
Das muss man dem Sender hoch anrechnen. Die Schattenseite dieser Ausrichtung ist, dass das ZDF durch seine Marktmacht aber auch ein Vorreiter in Sachen Autorenausbeutung und Rechte-Grabschen war. So fanden die Schreiber fast im Jahresrhythmus neue „Anlagen zum Autorenvertrag“ vor, in denen sich der Sender die umfangreichsten Nutzungs- und Senderechte kurzerhand nahm. Sozusagen ein Backdoor-Buyout, ohne sich mit der Zahlung eines Buyout-Honorars zu belasten. Das Resultat ist, dass heute ein Drehbuchautor für seine Arbeit weniger als die Hälfte dessen erhält, was er vor 20 Jahren bekommen hat – obwohl die Nutzungsmöglichkeiten an seinem Werk auf der anderen Seite geradezu explodiert sind, sei es Pay-TV, Abruf, Internet oder Kanalvervielfältigung. Aber man produzierte wenigstens bzw. beauftragte, wie heute auch noch.

Unser Zweites Deutsches Fernsehen. Die wenigsten wissen, dass es seine Entstehung einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts verdankt. Das hatte nämlich einem gewissen Konrad A. gehörig auf die Finger geklopft, als der als Gegenpol zu den von bösen Kommunisten unterwanderten Sendern der ARD (also praktisch allen, die seiner Meinung widersprachen oder gar Fragen stellten) ein als GmbH getarntes Regierungsfernsehen etablieren wollte. Nachdem das als Staatsfernsehen und damit verfassungswidrig erklärt wurde, folgte kurz darauf ein Staatsvertrag der Länder, der die Gründung eines bundesweiten Kanals regelte. Auf Öffentlich Rechtlicher Basis. Aber von Struktur und Personal nicht viel anders als das, was ursprünglich vorgesehen war.

Nun hat es 50 Jahre gehalten, feiert sich und wird gefeiert.

Dann will ich als Gratulant nicht außen vor bleiben.
Alles Gute für die nächsten 50 Jahre, ZDF.
Und auf dass wir weiterhin wenigstens ein Stück des Weges gemeinsam gehen.

Sonntag, 31. März 2013

Matula ist nicht mehr da

Oder: der letzte seiner Art



Er wollte keinen Polizisten spielen, der dem etablierten Anwalt bei seinen kniffeligen Fällen hilft, deshalb zog er in der allerersten Folge die Uniform aus und wurde Detektiv. 
Privatdetektiv.
Er blieb es. Praktisch für den Rest seines Schauspielerlebens war Claus-Theo Gärtner damit Josef Matula. 32 Jahre lang. Der Mann in der Lederjacke mit dem Teddy-Kragen.
Der Billard spielende, bevorzugt (bis auf einen kurzfristigen Audi-Ausflug) Alfa fahrende Frauenheld lebte und arbeitete nominell in Frankfurt, die Produktion saß jedoch in Wiesbaden und verkaufte eifrig Straßen und Bauten der Landeshauptstadt als Lokalitäten der Main-Metropole; Stoff genug für kleinere und größere Lästerorgien.

Anfangs war er ja eher als der Sidekick des großen Günter Strack gedacht, doch mit den wechselnden Anwälten veränderte sich diese Position nachhaltig. Am Ende WAR Claus-Theo Gärtner „ein Fall für zwei“ und der Anwalt für den juristischen Kram zuständig, der halt auch erforderlich war.

Wir trafen ganz am Anfang meiner Karriere als Drehbuchautor auf einander. Als ich 1989 meinen ersten Drehbuchvertrag erhielt, war es ein Fall für zwei. Es folgten noch ein paar Episoden, aber persönlich nichts weiter. Drehbuchautoren und Schauspieler haben nicht viel mit einander zu tun.

Dann kamen wir sehr viel später bei einer Veranstaltung zusammen und stellten fest, dass wir inzwischen praktisch Nachbarn waren. Es entstand ein loser Kontakt, bei dem wir uns unserer Leidenschaft für Sport passiv hingaben und außerdem die Jungs immer mal wieder mit den Autos spielten und fröhlich tauschten („Willste mal fahren?“ „Klar!“). Ich hatte nie eine Chance gegen den Amateur-Rennfahrer, ganz gleich, was er gerade lenkte. Ich bin halt doch nicht der Racer-Typ. Eher der Chauffeur. Aber ich erinnere mich noch sehr gut an die unglaublichen Bremsen des Porsche Turbo…

Während der Zeit befassten wir uns aber auch mit Möglichkeiten, Claus-Theo Gärtner mal wieder eine Rolle jenseits der des Matula zu verschaffen. Das war ein Traum von ihm und beim Sender lehnte man nicht ab. Jedenfalls nie direkt. Sondern es hieß immer: „Ja, klar, gerne. Was soll es denn sein? Mach mal einen Vorschlag und wir reden darüber. Im großen Kreis.“

Also das bekannte Öffentlich-Rechtliche NEIN. Wenn man innerhalb eines Senders ein bestimmtes Projekt nicht will, dies dem Vorschlagenden aber nicht direkt ins Gesicht sagen will oder kann oder darf, dann gibt es eine 100ige Methode, es zu killen. Man macht vom Exposé 30 Kopien, die man vertikal und horizontal verteilt, mit der Maßgabe, dass man dieses Ding gerne realisieren würde. Da kann man sicher sein, dass die Bedenkenträger, Neider, Feinde nur so aus den Löchern poppen und alles tun werden, die Sache im Sande verlaufen zu lassen. Zuverlässig. Und der, der das alles initiiert hat, bleibt der Freund. Der gute. „Ich warte noch auf die Reaktionen der anderen Abteilungen…“

Wir plotteten also in Claus-Theos weitläufigem Garten, schrieben Exposés, fuhren Auto, redeten dummes Zeug, besuchten Oldtimer-Versteigerungen und Grand-Prix. 
Dann zog Matula weg und wir verloren uns aus den Augen.
Das große Fernsehspiel mit Claus-Theo Gärtner gab es natürlich nie.

Nun geht er also in Pension, der letzte große deutsche Fernsehdetektiv. Vielleicht war er sogar der einzige, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Umfangreich ist die Auswahl ja nicht. Es war schon immer eher schwer, in einem Land, das keine Tradition an Privatermittlern hat, so eine Figur halbwegs glaubwürdig zu etablieren. Die unauffällig tätowierten Menschheitsretter vor der Auto-Wackelkamera, die nachmittäglich „Fälle“ „lösen“ zähle ich mal nicht dazu.
Wer fällt mir da noch ein? Robert Strohm alias Klaus Löwitsch, der es auf immerhin 5 Staffeln brachte. Aber der hatte mehr einen „James Bond auf dem zweiten Bildungsweg“ Touch. Detektivbüro Roth mit Manfred Krug, bevor er ein Liebling wurde, gab es auch noch. Eher harmlose Fälle mit Humoranflügen. Das war’s aber auch schon.
So bleibt Josef Matula für mich der letzte seiner Art. Und nun hat er sich verabschiedet, nach beeindruckenden 300 Folgen.

Mach’s gut, Claus-Theo.

Genieße Dein wohlverdientes Rentnerdasein, brems rechtzeitig vor den Kurven und melde Dich einfach mal wieder, wenn Du gar nichts Besseres zu tun hast!

Donnerstag, 28. März 2013

Kino machen - und sterben



„Warum machst Du eigentlich kein Kino“, ist eine Bemerkung, die ich öfter höre. Der Fragesteller ahnt dabei nicht, wie nahe er mit dieser Formulierung der Wahrheit kommt.
Es ist, meiner Erfahrung und Wahrnehmung nach, nämlich tatsächlich so, dass man in der hiesigen Szene als Drehbuchautor nicht einfach für das Kino arbeiten kann. Man schreibt nicht, man „macht“ Kino. Oder man macht es eben nicht. Dazwischen gibt es nichts. Das musste ich bei meinen bisherigen Versuchen, auch in dem Großleinwand-Medium der bewegten Bilder Fuß zu fassen, lernen.

Natürlich will jeder Drehbuchschreiber auch gerne auf die große Leinwand, also auch ich. Bei meinen ersten Versuchen auf dem Weg nach Hollywood stolperte ich in der deutschen Kinolandschaft herum und erwanderte mir nach und nach deren Topographie.

Es gibt auf der Landkarte des germanischen Filmschaffens zwei hohe Berge.

Eher im Osten reckt sich das Massiv der Literaturverfilmungen in die Höhe. Bei denen ist der Markt sehr eng und wird er von wenigen Autoren beherrscht, mit denen die Produktionen schon immer arbeiten. Warum also jemand anderes ausprobieren? Es herrscht eine geschlossene Gesellschaft, man kennt und schätzt sich und braucht keine Fremden. Falls man überhaupt einen Autor braucht, denn oft genug schreibt der Regisseur selbst. Anfragen Familienfremder bezüglich Mitarbeit und/oder Autorenschaft werden gar nicht erst beantwortet.

Richtung Süden findet man dann die zerklüfteten Höhen der kommerziell wirklich erfolgreichen Produktionen, die fast ausschließlich den Sektor des teutonischen Humors bedienen. Bei denen gibt es sogar nur einen einzigen Autor, der seit Jahrzehnten der Platzhirsch ist und Kraft besonderer, persönlicher Freundschaft IMMER die Bücher schreibt. Anfragen sind dort zwecklos.
Diese ersten beiden Kinofilm-Klassen sind relativ nüchtern, kühl, eben Felsmassive, mit gut organisierter Förderungs- und Auswertungskette versorgt und professionell auf einen kommerziellen Erfolg ausgerichtet.

Dazwischen gibt es die Sümpfe, Urwälder, Dickichte und Steppenlandschaften, sogar ein paar Wüsten. Dort kämpfen die „Filme-Macher“ um das tägliche Überleben. Auch wenn sie völlig unterschiedliche Landstriche behausen, sind sie doch relativ leicht zu erkennen an ihrem derben Schuhwerk, den Cordhosen, dem Kurzmantel, dem Schal, der obligatorischen, flachen, Cabriofahrer-Mütze und ganz wichtig und nicht zu vergessen, den dicken geränderten Hornbrillen, ggf mit Fensterglas ausgestattet, falls die Sehstärke doch noch 100% beträgt. Diese Macher versammeln sich periodisch an verschiedenen Orten des Landes und bevölkern dort die Szenerie rund um kinematographische Veranstaltungen, in denen es eine Programmsparte gibt, die sich etwa „Junges, Deutsches Kino“ nennt.
So sehe ich meine Freunde jedes Jahr auf der Berlinale wieder und so rudeln sie auch bei anderen Gelegenheiten wie Filmfesten, Preisen und Empfängen herum und strahlen Kompetenz, Kreativität und Lässigkeit aus. Zumindest versuchen sie es meinem Empfinden nach.
Mit dieser spannenden Spezies hatte ich einmal näher zu tun. Mit bemerkenswertem Resultat.

Vor ein paar Jahren kam ich im Rahmen einer Serienproduktion in Frankfurt mit der regionalen Kinoszene in Kontakt, wurde immer mal wieder Leuten vorgestellt und zu Veranstaltungen eingeladen. Dabei sprach mich ein Produzent an, dem nach eigenem Bekunden der Autor abhandengekommen war, mit dem er immer gearbeitet hatte. Er gab an, dass er ein großer Fan meiner Filme sei und unbedingt mit mir zusammen arbeiten wolle. Nun waren mir in meiner Karriere bereits einige Schwätzer mit riesigen Rosinen im Kopf begegnet, die mir nur meine Zeit gestohlen hatten, so dass ich vorsichtig war. Ein paar Recherchen zeigten mir aber, dass der Betreffende als Produzent durchaus einen Namen und auch schon Filme mit beachtlichem Erfolg ins Kino gebracht hatte.

Also sagte ich nicht nein und erhoffte mir den Einstieg, der mir bis dahin verwehrt geblieben war. Ich bekam in der Folgezeit, die sich etwa zwei Jahre hinzog, genau diesen Einstieg und vor allem Einblicke in eine Welt, die sich mir so bizarr und fremd zeigte, das ich immer wieder nur staunend und verständnislos dazwischen stand.

Ich fand nach und nach heraus, dass die Abläufe bei dieser Art Filmproduktion sich so fundamental von denen unterscheiden, die ich kenne, wie Sylt vom Himalaya. Wie ich erfuhr, hatte bei den bisherigen Filmen der Drehbuchautor während der Produktion in der Wohnung des Produzenten gehaust und sich jede Seite praktisch abgequält. Szene für Szene und häufig genug erst am Tag des Drehs geliefert. Die Filmcrew bestand aus lauter Freunden, Bekannten, Freunden der Bekannten und deren Anverwandten, die alle „zum Film“ wollten und daher bereit waren, „auf Rückstellung“ zu arbeiten. Das heißt, man opfert sich und sein vollständiges Leben wochen- bis monatelang „der Sache“, um dann irgend wann einmal, vielleicht und in ferner Zukunft, nach Abzug aller, aber wirklich aller Herstellungs-, Vertriebs-, Kopien-, Lager-, Recylings- und sonstiger -kosten bezahlt zu werden.

Eine Zukunft, die übrigens praktisch nie eintritt…

Nicht nur während des eigentlichen Drehs, sondern bereits während der Vorbereitungen verschwindet jeder der Teilnehmer vollständig aus seinem sonstigen, sozialen Umfeld, lässt Familie Familie sein, Freunde Freunde, Geliebte Geliebte und widmet sein gesamtes Leben nur noch diesem einen Film. Er spricht, isst, trinkt, raucht, lebt, wohnt, und schläft nur noch mit den anderen aus dem Team, das am „Projekt“ beteiligt ist und nimmt den Rest der Welt nur noch durch einen dicken Nebel wahr. Nur wer ein richtiger „Rock’n Roller“ ist/war, war in der Lage, Teil eines solchen symbiotischen Gebildes zu werden. Was immer ein Rock’n Roller auch ist/war. Erklären konnte es mir bis heute keiner.
Ich bin kein Musiker. Ich bin Drehbuchautor, der, wenn er einen Auftrag bekommt, seine ganze kreative Energie diesem widmet, um das Bestmögliche zu machen. Meine Kreativität. Nicht mein gesamtes Leben. Doch in den Kreisen, die ich in der Folge kennenlernte, war es offenbar nicht möglich, irgendetwas Filmähnliches zu gebären, ohne die für eine Niederkunft typischen Schmerzen entweder selbst zu haben und zu erleiden oder wenigstens bei anderen zu erzeugen. Ohne persönliche Dramen, Trennungen, Fremdgehen und fremdgegangen werden, Scriptgirlschwängereien und Alkohol- oder Drogenexzesse war es in dieser Szene wohl nicht möglich, ein kinematographisches Produkt zu erzeugen.

Hätte man mir das, was ich hören und erleben sollte, vorher geschildert, ich hätte den Sprecher als vorurteilsbeladen und Verbreiter plattester Klischees ausgelacht.
Aber heute möchte ich es so ausdrücken: was immer auch an Vorurteilen über die Kino-Filmszene kursiert, sie erfassen nicht einmal die Hälfte der Realität.
Das betrifft nicht nur die Haltung zum Leben und Werk an sich. Es betrifft auch die Art und Weise der Arbeitsabläufe.

Eine Filmproduktion war bis dahin für mich eine klar strukturierte Angelegenheit. Es gibt eine Geschichte, die ein Produzent realisieren will. Er erteilt einen Drehbuchauftrag, der Autor schreibt mehrere Fassungen, bis eine so weit steht, dass ein Regisseur gesucht und hinzugezogen wird. Mit dem zusammen wird eine Drehfassung erarbeitet, die schließlich nach einem generalstabmäßig ausgearbeiteten Drehplan und einem festgelegten Budget verfilmt wird. Man kümmert sich zunächst intensiv um das WAS des Films, dann um das WIE der Realisation.

Nichts, aber auch gar nichts davon fand ich bei meiner Expedition ins Kinoreich wieder. Das fing schon einmal damit an, dass die Stoffe, die ich dem Produzenten präsentierte, zwar auf eine Art Wohlwollen stießen, er aber viel mehr daran interessiert war, dass ich und SEIN Regisseur sich kennenlernten, um festzustellen, ob die Chemie stimmte.

Zur Vorbereitung erhielt ich das gesamte Oevre des Betreffenden auf DVD. Es waren zwei Kurz- und ein Fast-Langfilm. Ich fand das Übliche, was mich am deutschen Kino immer wieder so „begeistert“. Eine ordentliche bis bemerkenswerte szenische Phantasie, die Fähigkeit, Figuren zu führen und Situationen zu schaffen – aber absolut keinen Plan, was eine Story und einen Spannungsbogen betrifft, die die Einzelszenen irgendwie zusammen halten. Das schreckte mich nun nicht. Vielmehr war der Gedanke: Gut, hier wirst Du wirklich gebraucht.

Das erste Kennenlernen gestaltete sich für mich dann etwas schwierig. Der designierte Regisseur interessierte sich nämlich für keinen der Vorschläge, die ich mitgebracht hatte. Er wollte vielmehr einen Film machen, über… Ja, und genau da fing das Problem an. Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er einen machen wollte. Irgendwie. Er hatte keine Ahnung über wen oder was oder wohin die Reise gehen sollte, hatte keine Geschichte, die ich für ihn erzählen sollte, kein Thema, das seins war, sondern er sprang immer wieder nur mit Begeisterung auf Momente und filmische Einfälle, die er mir detailliert erzählte, die aber ohne jeden Zusammenhang waren.
Es sollte also ein Film werden.
Irgendwie.
Über zwei Brüder.
Oder auch nicht. Vielleicht auch Schwestern. Da hatte er schon eine ideale Besetzung, der mit der Schauspielerin XY konnte er gut, weil die seinen Kurzfilm Z so toll fand.
Und er wusste genau, wen er im Team haben wollte, wer Kameraassistent werden wollte und wer schneiden sollte. Darüber konnte er sofort mit dem Produzenten in eine eifrige Debatte einsteigen, bei der jedes Für und Wider ausdiskutiert wurde. Und Filmförderung, und Drehbuchförderung und Incentive-Förderung und Wirtschaftsförderung und Investitionsbank und Verbindungen waren Themen. Gerne genommene und breit debattierte.
Ich kam mir vor, wie im falschen… Ja. Film. Da wurde das Fell des Eisbären verteilt und man befand sich noch in der Sahara.

Das war der Punkt, an dem ich einen monumentalen Fehler machte. Ich vergaß, mich höflich zu verabschieden und wieder in die Niederungen des Fernsehgeschäfts abzutauchen.
Ich sagte zu, die Ideenspermien einem meiner Eier zuzuführen, eine Art von Exposé zu fertigen und kurzfristig vorzulegen. Was ich tat. Das Papier stieß beim Produzenten auf Begeisterung, beim Regisseur auf ein zurückhaltendes, er werde sich das dann mal anschauen. Was der nächste Moment war, in dem ich hätte rennen sollen…

Der Entwurf wurde von mir ausgearbeitet und in Rekordzeit präsentabel gemacht, um damit eine Förderung zur Stoffentwicklung zu bekommen, deren Antragstermin in ein paar Tagen ablief. Es gelang mir, diesen Termin einzuhalten. Beigetragen hatte bis zu diesem Zeitpunkt außer mir konstruktiv noch keiner was. Das Papier kam in der betreffenden Kommission an und es gab die Förderzusagen. Woraufhin ich mich mit dem Produzenten auf das Buchhonorar einigen musste. Der wollte nur einen kleinen Teil des zugesagten Geldes in das Drehbuch selbst investieren. Denn er hatte ja auch Kosten. Immense Kosten. Wider besseres Wissen ließ ich mich auch darauf ein und machte mich an die Arbeit.

Zunächst gab es von meiner Seite aus ein noch viel ausführlicheres Exposé. Ich wollte nämlich nach den Erfahrungen, die ich bis dahin gemacht hatte, keinesfalls einfach ins Blaue schreiben und darauf warten, bis sich der selbsternannte Star-Regisseur (der mir mit seinem Habitus schon nachdrücklich auf die Nerven ging) dann dazu herabließ, den Daumen zu heben oder zu senken.
Ich zwang alle an einen Tisch. Doch diese Besprechung war eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Es kam einfach nichts zurück. Der Tenor war: ja, gut, probieren wir das mal.

Ich „probierte“, schrieb das Drehbuch, verschickte es und hörte – erst mal nichts. Gar nichts. Überhaupt gar nichts. Als es mir zu bunt wurde, rief ich den Produzenten nach etwa drei Wochen an. Er redete am Telefon herum, wir müssten sprechen. Ja bitte. Also, ja, so hätte er sich das nicht vorgestellt und der Regisseur auch nicht. WAS sie sich vorgestellt hatten, hatten sie bedauerlicherweise bis zu diesem Zeitpunkt in keiner Phase geäußert. Als ich das sagte, wurde es nachgerade grotesk. Der Produzent regte sich auf. Er war überzeugt davon, dass er mit mir die ganze Zeit ununterbrochen in Kontakt gestanden hatte und dass er mit mir „das doch alles besprochen“ hatte.

Ich musste ihn vorsichtig darauf hinweisen, dass dies keineswegs der Fall war. Sondern dass er sich nur sehr sporadisch gemeldet hatte und dabei immer wieder für mich sehr kryptische Äußerungen getätigt hatte, die ich maximal als unverbindliche Vorschläge betrachtet hatte, da sie mit der Story absolut nichts zu tun hatten und sich in erster Linie auf Locations bezogen. Nicht auf Handlung, Figuren, Perspektiven, Persönlichkeiten. Oder gar den Plot.

Was ich erst nachher verstand, war, dass der Regisseur und der Produzent praktisch ständig mit einander gesprochen hatten. Sie hatten nächtelang  herumassoziiert, debattiert, Besetzungen, Szenen, Situationen gewälzt und sich in der Vorstellung ergötzt, dass ich all das schon in Worte kleiden würde.

Sie hatten nur eine Kleinigkeit vergessen.

Nämlich mit MIR darüber zu sprechen. In dem Moment, in dem sie etwas bekaspert hatten, hatte es sich ihrer Wahrnehmung nach auch schon per Metamorphose auf den Weg zu mir gemacht und wurde von mir beim Schreiben bedacht.
Ohne dass irgendwann einmal jemand ein Wort darüber verloren hatte!
Nun waren sie enttäuscht. Weil ich einfach nicht Gedanken lesen konnte.
Meiner Reaktion war sinngemäß: okay, dann weiß ich jetzt wenigstens, was Ihr NICHT wollt. Ich bin allen KONKRETEN Änderungswünschen gegenüber aufgeschlossen. Doch die kamen nie. Vom Regisseur erhielt ich lediglich ein Dreizeiler per Mail. Er könne damit nichts anfangen. Mehr nicht.
In Filmproduktionen, wie ich sie kenne, ist das der Zeitpunkt, zu dem man sagt, gut, das kann vorkommen. Schauen wir mal, wer alternativ als Regisseur dafür in Betracht kommt. Aber das passierte hier nicht. Es ging nicht um die Geschichte, die ich geschrieben hatte. Es ging darum, dass genau dieser Regisseur einen Film machen sollte. Irgend einen. Weil irgendjemand in irgendeinem Filmfördergremium einen seiner Kurzfilme so richtig toll fand.
Ein anderer Regisseur stand nicht zur Debatte.
Eine neue Fassung ebenfalls nicht.
Und die Zahlung der restlichen, kleinen Rate auch nicht.

Das Projekt war gestorben.

Und für mich war eins klar. Nie wieder, in meinem ganzen Leben nicht, würde ich mich mit „Rock’n Rollern“ auf eine Filmproduktion einlassen.

Was immer ein Rock’n Roller sein mag.

Ich weiß immer noch nicht, was ein Rock’n Roller ist.

Ich weiß nur, dass ich keiner bin. Wahrscheinlich eher das Gegenteil davon.

Der betreffende Regisseur hat bis heute keinen Kinofilm zu Stande gebracht und setzt nun wieder als Werbefotograf Autos ins Bild. Und anderes.

Der Produzent ist immer noch in der Szene unterwegs, immer noch ambitioniert und mit viel Herzblut, aber einen Erfolg wie der, der ihn ins Kino gebracht hatte, hatte er bislang auch nicht wieder.

Mein Drehbuch von damals hingegen hatte Spätfolgen. Die Geschäftsführerin einer Film- und Fernsehproduktion, die in einem der Fördergremien war, bekam es zu lesen und setzte daraufhin ihren Producer auf mich an, der für sie eine Krimi-Reihe betreute. Für den schrieb ich dann zwei 90er, die jeweils Regisseure fanden, die etwas damit anfangen konnten.

Was ich daraus gelernt habe?

Diese Art von Kinofilmproduktion ist nicht meine Welt.

Ich schreibe Drehbücher, um davon zu leben, nicht um dabei mindestens dreimal zu sterben. Ich möchte Geschichten erzählen und nicht Szenen zusammenhanglos „kinoesk“ vergeheimnist aneinander hängen.

Ich habe es gerne, wenn am Ende, nach Abschluss meiner Arbeit ein Film herauskommt.

Ich will mich nicht mit 27 Freunden möglichst lange orientierungslos auf einem unbekannten Weg herum treiben. Der Weg ist in diesem Business ganz bestimmt nicht das Ziel. Sondern ausschließlich das Resultat.

Insofern bin ich kein Filmemacher. 

Sondern viel lieber ein Filmgemachthaber.